Wetter als Malerei

Inhaltsverzeichnis

Synopsis

Neue Bilder
Nicht vor der Landschaft malen – in der Landschaft malen - Das Veränderliche in die Malerei aufnehmen, denn im Veränderlichen lebt die Erneuerung

Wetter und Landschaft
Durch das Wetter erscheint die Landschaft erst im richtigen Licht - Deren Geschichtslosigkeit erlaubt einen unvoreingenommen Blick - Das Wetter ist vom Thema her tief malerisch - Die Beschäftigung mit dem Wetter schafft Einsichten, Durchsicht und Aussicht

Die Wetter-Bilder
Die Nass-Feucht-Trocken-Malerei austarieren und Scharf-Unscharf-Relationen explorieren - Mit Akkumulierungen der Farbschichten arbeiten und damit durchsichtige Farbigkeit schaffen - Die handwerkliche Vorgehensweise erproben, einüben und meistern - Malen über den Horizont hinaus

Pigmente aus Glas
Damit werden hellste und transparente Farbaufträge in feinsten Abstufungen möglich - Die Verwendung der Glaspigmente für die Wetter-Malerei erforschen

Besondere Gemäldechassis
Der Rahmen für die Leinwand wird für die Wetter-Bilder in besonderer Weise konstruiert -
Das modifizierte Chassis erlaubt eine Malerei über den Bildrand hinaus

Wolkengrammatik
Wolken sind die Gegenstände in der Wetter-Malerei, die Konkretion des schwierig zu Bestimmenden oder des nur unvollkommen Erfassbaren - Malerei ist das geeignete Medium zur Pflege der Wolkensprache - Eine Grammatik der malerischen Wolkensprache erarbeiten bzw. aktualisieren

Unergründliches Blau
Die Oberfläche des Farbauftrags aufheben - Das Blau in den Bildgrund hineinarbeiten - So die Unergründlichkeiten von Blau sich entfalten lassen

Schatten, Irisierungen und Grau
Die Schatten als Lichtfächer auffassen, der sich zwischen hell und dunkel aufspannt - In diesen den ganzen Farbenreichtum des Wetters packen - Aus dem Schattengrau kommt die Kraft der Wetter-Bilder

Bestimmendes Weiss
Weiss taucht das Bild in eine Atmosphäre und es schafft die gewollte Stimmung - Die Ausforschung der Weisspigmenten konsequent auf das Wetter-Thema ausrichten

Lichtmodulierungen
Dem Licht auch jenseits seiner Erscheinung als Färbung Achtung verschaffen - Die Witterung moduliert das Licht und gibt ihm Gestalt und Aussehen - Das Licht im Bild als Wieder-Erscheinen begreifen, als Mattheit relativ zum Glanz der Wirklichkeit

Über den Horizont hinaus
Das stetige Wechselspiel von Luft und Wasser im Licht der Sonne ansehen als das Bild der Seele - Über die Erarbeitung des Wetter-Motivs die Dimensionen der Begriffe Seele und Geist ausloten

Wetterküchen und Wasserscheiden
Die körperliche Auseinandersetzung mit dem Wetter suchen - Die Namen der Winde kennen und die Namen der Wolken hersagen - Dorthin reisen, wo das Wetter herkommt – und wo es hin geht

Die Landschaft oben

Das Wetter, die Witterung und über längere Zeit betrachtet, das Klima sind das unmittelbar beobachtbare Veränderliche in der Landschaft. Ergänzende und fliessend ineinander übergehende Kräfte, die durch keine Grenzen getrennt sind. Auf der anderen Seite prägen Wetter, Witterung und Klima die Landschaft, schleifen sie und geben ihr Charakter. Durch das Wetter erscheint die Landschaft erst im richtigen Licht.

Wetter, Witterung und Klima lassen mich die Landschaft in ihrem Charakter wahrnehmen und empfinden. Es gibt darüber hinaus, wenigsten auf der Erde, keine Landschaft und keine Zeit ohne Wetter. Die ständige Gegenwart ist denn vielleicht auch der Grund, warum das Wetter in der Geschichte der Landschaftsmalerei kaum je zentrales Motiv wahr. Extreme Witterung, Gewitter, Stürme und Wolkendramen, wurden gerne metaphorisch gebraucht. Ebenso Sonnenaufgänge und Sonnenuntergänge, Regenbogen und atmosphärische Färbungen des Lichts. Doch war die festgefügte «Landschaft unten» in der Malerei stets wichtiger, als die weiten Gefilde der «Landschaft oben».

Es ist vielleicht deren Geschichtslosigkeit, die mir als Maler einen weitgehend unvoreingenommen Blick in die Landschaften der Witterung erlauben.

Meine ersten Wetterbilder waren computertechnisch generiert. Was sich als Experimentierumgebung eignete, vermochte jedoch meine Vorstellungen vom Wetter-Bild nicht genügen. Die Malerei dient da wesentlich besser. Heute sehe ich, dass das Wetter vom Thema her ein tief malerisches ist. Als Motiv der Kunst ist es mir die Auseinandersetzung damit mehr als wert. Als Aufgabe an mich malenden Künstler ist es herausfordernd gross. Denn Wetter ist klar, hell und dynamisch, was eine ebensolche Malerei verlangt. Wetter ist kontinuierlich und stetig, was ein ebensolches Engagement als Maler fordert. Wetter schafft Einsichten, Durchsicht – und die Beschäftigung damit geliebte Aussicht.

Wie das Wetter zu malen ist? Auf den folgenden Seiten lege ich dar, wie diese Aufgabe zu meistern wäre.

Wetter als Malerei

Das Veränderliche

Die Szenerie verändert sich mit den Jahreszeiten, jede hat ihren eigenen Stimmungswert, und sie wandelt sich mit dem Wetter. Wenn man ein Bild malt, muss man auf diese Veränderungen genau achten.1

Mit schöner Selbstverständlichkeit bringt diese jahrhunderte alte Sentenz das Malen und den Raum, in dem diese Tätigkeit ausgeübt wird, zusammen. Essenziell dabei ist, dass der Raum nicht als ein perspektivischer beschrieben ist, sondern als Zeitraum. Es gibt eine veränderliche Szenerie, und deren inhaltliche Verbindung mit den Jahreszeiten lässt uns annehmen, dass die Szenerie eine Landschaft ist. Es ist die Eventualität gegeben, dass in dieser Landschaft ein Bild gemalt wird. Nicht vor der Landschaft wird gemalt – in der Landschaft wird gemalt.

Mit Nachdruck ausgedrückt ist hingegen die Forderung, dass der Maler das Veränderliche, die Witterung in der Landschaft genau beobachten und kennen muss, will er ein Bild malen. Der Prozess, das Veränderliche, die Auflösung oder die Umwandlung muss verstanden und in die Malerei aufgenommen werden. Erst dann wird überhaupt ein Bild der Landschaft entstehen. In allen anderen Fällen wird nur ein Abbild der Szenerie entstehen, ein vielleicht origineller, aber lebloser Schnappschuss, der dazu rasch veralten wird. Im Veränderlichen hingegen lebt die stetige Erneuerung.

Ein wahres Bild der Landschaft also kann nur entstehen, wenn es in Übereinstimmung mit derselben gemalt ist, und wenn umgekehrt das Gemälde der Landschaft homolog ist.

Unmittelbare Wirklichkeit

Als Malthema ist Wetter sehr praktisch. Denn das Wetter ist immer. Stets bin ich mitten drin im Geschehen und vom Motiv umgeben. Ein Blick in die Höhe genügt, um mir auch ein schnelles Bild des gegenwärtigen Wetters zu machen. Bis heute nähre ich meine Wetter-Studien bevorzugt durch solch schnellen Blicke, wahre Augenblicke, die mein Bild vom Wetter prägen.

Das Wetter ist das unmittelbar beobachtbare Veränderliche. Witterung und Klima prägen die Erscheinungen, schleifen sie und geben ihr Charakter. Durch das Wetter erscheinen die Dinge erst im richtigen Licht. Es gibt darüber hinaus, wenigsten auf der Erde, keinen Moment ohne Wetter. Wetter ist unstetig, das aber stetig.

Um diese charakteristischen Eventualitäten in Malerei umzusetzen, um ihnen im Malprozess freien Raum zu geben, ist ein strukturiertes handwerkliches Vorgehen nötig. Um so mehr, als die Wetter-Malerei spontan sein soll, sich im Augenblick entfalten will, und sich im aktuellen Tun ausbilden soll. Also wurden die handwerkliche Vorgehensweise und die konstruktiven Belange eruiert, erprobt, und eingeübt. Dies alles im Hinblick darauf, durch eine gewisse Meisterschaft des Handwerks während des Malens jene Freiheit zu haben, das Gemälde und das Bild in alle Richtungen zu entwickeln – so wie das Wetter es tut.

Der leitende Begriff im Malprozess ist «Stimmung». Der Begriff ist jedoch nicht nur romantisch ausgelegt, vielmehr im Sinn von «Einklang mit einer Wirklichkeit». Diese Wirklichkeit wiederum ist mit Adjektiven wie schön, wunderbar, ruhig, fern, strahlend umschrieben. Solche Adjektive sind folglich auch zur Beurteilung der Wetterbilder eingesetzt.

Bei der Generierung der Wetterbilder wird nicht auf Abbildung oder Analogie zur Wirklichkeit gesetzt, sondern auf Homologie; die Wetterbilder sollen also entsprechend der Wirklichkeit sein.2

Die optischen Erscheinungen des Wetters sind Metaphern, Synonyme oder Imaginationen zu dem, was als Seele und Geist bezeichnet ist: Über und durch die Erarbeitung des Wetter-Motivs sind die Dimensionen der Begriffe auszuloten, um eine vertiefte Ahnung davon zu erhalten.

Pigmente aus Glas

In den Wetter-Gemälden sind sogenannte farbige Glasmehle vermalt. Hergestellt werden Glaspigmente aus Bleikristallglas. Das Bleikristallglas wird zerkleinert und dann auf eine Grösse kleiner als 0,25 mm gemahlen. Dieses relativ grobe Mehl wird in fünf Stufen gesiebt. Die so erhaltenen, unterschiedlichen Pigmentdurchmesser wirken sich auf die Farbigkeit der Glasmehle direkt aus; je feiner, desto heller sind sie. Damit werden hellste, transparente Farbaufträge in feinsten Abstufungen möglich. Weil diese hellsten Farbtöne ohne die Beimischung von Weiss erreicht sind, stehen sie unvergleichlich rein, kräftig und mit Tiefe. Darüber hinaus erscheinen sie je nach Betrachtungswinkel unterschiedlich intensiv.

Diese Qualitäten kommen der Wetter-Malerei sehr gut entgegen. Die vorliegenden Resultate jedenfalls überzeugen durch ihre Luftigkeit, durch ihre tiefen Farbräume, in denen die Bild- und Farboberfläche kaum mehr wahrnehmbar ist und durch einen selten gesehenen Reichtum an Blaunuancen.

Die Anwendung der Glaspigmente in der Malerei ist nicht verbreitet. Es gibt Beispiele in der japanischen Druckgrafik, wo Glaspigmente in Kombination mit anderen Pigmenten und in unterschiedlichen Korngrössen zu den bekannt schönen Ergebnissen führten. Die optimale Verwendung der Glaspigmente für die Wetter-Malerei dagegen gilt es zu erforschen.

Handelsnamen von Glaspigmenten

grau blau
rauchgrau neublau
opalgrau silberblau
opalblaugrau nachtblau
sattgrau lichtblau
  delftblau
  zarthellblau
  opalazurblau
  opalhellblau
  opaltaubenblau
  stahlblau
  rauchblau

Besondere Gemäldechassis

Die Wetter-Bilder sollen als Lichtraum funktionieren. Der Lichtraum wird dabei vorab durch die Farbe inklusive Bildgrund evoziert. Zum Bildgrund gehört auch das Gemäldechassis, der Leinwandrahmen. Dieser wird für die Wetter-Bilder besonders konstruiert: die Quadratlatten sind in ihrem Querschnitt um 45º gedreht. Mit dem Effekt, dass jetzt die Tiefe des Leinwandrahmen sichtbar ist. Das wirkt sich einerseits positiv auf die Raumwahrnehmung des Bildes aus, zugleich wird die sichtbare, geneigte Fläche das Bild einrahmen. Ausserdem ergibt sich durch die Konstruktion eine Schattenfuge, die das ganze Gemälde von der Wand abhebt, es optisch vor der Wand schweben lässt.

Der veränderte Leinwandrahmen mit seinem entschärften Winkel zwischen Bildoberfläche und Gemäldeseite wird mir eine Malerei quasi über den Bildrand hinaus erlauben. Umgekehrt kann ich über die abgeflachte Kante einfacher von Aussen ins Bild hinein malen. Durch den kleinen Dreh in der Konstruktion werde ich also das Bild vom Wetter unbegrenzter malen können, vor allem auch lässt mich der Dreh das Bild auch als Offenes denken. Gleichzeitig wird aber das Gemälde umgrenzt und höchst präsent sein.

Eine Grammatik der Wolken

Wolken sind die Gegenstände in der Wetter-Malerei, wenn diese auch nicht festgefügt und selten nur durch Umrisse scharf definiert sind. Wolken schweben und ziehen dahin, lasten und lösen sich auf in ein Nichts. Ihr Formenreichtum ist unermesslich. Dennoch sind Wolkentypen zu unterscheiden. Es gibt ein Vokabular an Wolkenformen. Wolken sind durchaus nicht nur wolkig und unbestimmt. Sie sind vielmehr die Konkretion des schwierig zu Bestimmenden oder des nur unvollkommen Erfassbaren.

In einer Reihe von Gedichten schreibt Johann Wolfgang von Goethe den von Luke Howard ausgesonderten Wolkentypen Symbolkraft zu:

Cumulus = Machtgewalt
Cirrus = edler Drang, der sich im Schoss des Vaters auflöst
Nimbus = durch Erdgewalt herabgezogen3

Offenbar gab es ein Wolkenrhetorik. Der englische Dichter Gerard Manley Hopkins hat eigens Wörter geschaffen, um das Wesen der Wolken in Sprache zu kleiden:

Säulen gestapelter Wolken
Banderol-Wolken
gekrümmte Stäbe
elliptische Kometen-Wolke mit Haar-Textur
schopfige silberne Daunenwolken
Flaum-Federwolken
wattige und gefugte Rippenwolke
lange gerade Bälle schlammiger Wolken
ballonige Spinnwebwolken
Herden auftürmender Polsterwolken
Packwolken
Hoch-gewehte woll-vlies tisch-flache gefährlich-aussehende Stücke
Flickwerk plumper Rundungen halb geteilt, halb auseinander ästelnd wie Riffkorallen
modrig-gewobene Bewölkung die sich Blatt über Blatt aus Wellen- oder Augenbrauen-Textur gestaltet
Stücke mit gerundetem Umriss und Delphinrücken
vereinzelte Schöpfe dünntextueller sehr grober runder Wolken etwa wie die Eier in einem geöffneten Ameisenhaufen…4

Von John Constable gibt es eine Reihe von Wolken-Bildern und die Anmerkung, dass die Wolken der ideale Rohstoff für einen Maler seien, der sich vornimmt, aus nichts etwas zu machen, der also aus sich heraus schöpferisch sein will.

Das Interesse des Malers für das Wolkengeschehen verteilt sich auf mehrere Bedeutungsebenen. Einmal spricht sich darin sein Interesse an einer Wirklichkeit aus, die sich ständig verändert; zum andern sind die Wolken der ideale Rohstoff für einen Maler, der sich vornimmt, aus nichts etwas zu machen. Drittens betrachtet Constable die Wolken als Empfindungsträger (organ of sentiment) und als den formalen Generalbass (key) eines Bildes.5

Heute beschäftigt die Meteorologie mit der Wolkenrhetorik. Wem sonst noch ist die Sprache der Wolken geläufig?

Malerei, so finde ich, ist das geeignete Medium, darin die Wolken-Sprache zu pflegen. Nichts ist adäquater, als malend eine Form zu finden, sie wolkenfeucht in eine andere ausfliessen, diese in eine nächste einfliessen zu lassen und alle zusammen als gültige Farbigkeit stehen zu lassen. Das Medium also ist gegeben. Was nicht gegeben ist, ist eine Grammatik der malerischen Wolken-Sprache. Diese gilt es zu erarbeiten oder zu aktualisieren.

Ich will die Namen der Winde kennen und wissen, wie sie sind, die Namen der Wolken hersagen und ihre Eigenschaften benennen. Ich will den Charakter der Witterungen kennen, die Luft erleben und die Atmosphäre. Dies alles jenseits von Prognostik und Meteorologie.

Das Blaue

Wie ist das Blau zu malen? Die Forderungen lauten: Die Oberfläche des Farbauftrags aufheben. Hineinarbeiten des Blaus in den Bildgrund, es darin einbetten, einsinken lassen und vor allem; das Blau nicht in sich selber einsperren, durch kompakten, undurchsichtigen Farbauftrag etwa. Durch unergründlichen Farbauftrag, die Unergründlichkeiten der Blaus fördern.

In die blauen, weiten Gebiete eintreten, in die Gebiete frei von Schwerkraft, Statik oder Zweckgebundenheit, wo die Räume nicht konstruiert oder festgelegt, sondern imaginierend ausgelegt sind. Wo der Blick weit wandert, wässerige Linien kreuzt, Flächen wie gehaucht quert, dem Leuchten der Blaus hinterher und, das Fokussieren vergessend, rundherum geht.

An solchen Tagen scheint der Himmel unermesslich hoch zu sein. In dem durchsichtigen Luftraum, der ihn von der Erde trennt, spürt man vom Norden her eine klare Kälteschicht von dunkelblauer Färbung einströmen. Farbtöne, die aus grosser Entfernung kommen, strahlen überklar, durchdringend hell.6

Weisse Substanzen

Das Weiss ist wird das Verbindende, das Harmonisierende im Wetter-Gemälde sein. Weiss wird zum bestimmenden Element und zugleich das Licht im Bild. Demnach wandelt sich je nach Substanz, Auftrag und Tönung der Weisspigmente, die Farbe des Lichts im Gemälde. Umso mehr, als bei den Wetter-Bildern der Bildgrund weiss ist, und das Weiss des Grundes überall im Gemälde durchscheint. Das Weiss des Grundes taucht das Bild in eine Atmosphäre, es soll die gewollte Stimmung schaffen.

In den Wetter-Studien kamen Kreiden unterschiedlicher Provenienz sowie Zink- und Titanweiss zusammen mit Glimmer zur Anwendung. Diese Materialien haben sich wohl bewährt, um jedoch den angesprochenen Ansatz, wonach Weiss für die Stimmung im Gemälde bestimmend sei, auch gehörig Umzusetzen, ist eine intensivierte Beschäftigung mit den Weisspigmenten nötig. Denn nur durch das konsequent auf das Wetter-Thema ausgerichtete Zusammenspiel von Malgrund und Malweise kann jenes in der beabsichtigten Qualität Bild werden.

Formende Farben

Zwillings-Klänge

  • Weiss formt Blau und Blau formt Weiss
  • Weiss formt Grau und Grau formt Weiss

Drillings-Klänge

  • Blau formt Weiss und Grau, Weiss und Grau formen Blau
  • Weiss formt Blau und Grau, Blau und Grau formen Weiss
  • Grau formt Blau und Weiss, Blau und Grau formen Weiss

Schatten, Irisierungen, Grau

Die Gesamtheit der Schatten als Lichtfächer auffassen, der sich zwischen der Helligkeit der Atmosphäre und der Dunkelheit des Alls aufspannt. Und nicht etwa nur zwischen Weiss und Schwarz. Schattengrau in Irisierungen aufheben, es in Irisierungen transponieren, in Beugungen des Lichts und in die Farbtöne dazwischen.

Elsterbunt, nach der Erdlinie eiblau
fleischige Rosenfarbe
Fischpellikel silberner Wolken
mehlweiss, der Schatten kaum leberfarben und näher, der Erde purpurfarben
segel-farbiges Braun und milchiges Blau
lange Warpen maschiger grauer Wolken ein wenig gerötelt unterhalb
Wolken wie Säume aus rotem Kerzenwachs4

Grau auf der anderen Seite aber auch als Neutrum behandeln, als vorläufig Inaktives, Potenzielles, als Auge des Orkans, aus dem die Kraft der Wetter-Bilder kommt. Das Grau soll Summe all dessen sein, was im Bild nicht offenbar ist, doch soll jenes Subjekt in den Grauzonen aufgenommen und umschrieben sein. Denn Grau schliesst alle Färbungen und Farbirisierungen mit ein.

Der Feind aller Malerei ist das Grau, sagt Delacroix. — Nein, man ist kein Maler, solange man nicht ein Grau gemalt hat.

Moduliertes Licht

Wetter ist reine Durchsichtigkeit. Sichtbar sind allein die Undurchsichtbarkeiten, Verdichtungen, Lichtbrechungen, Strahlenbeugungen usw. Alles andere am Wetter ist klar.

In den Bildern des Impressionismus erscheint das freie, unbegrenzte Naturlicht in seiner ganzen Fülle im Bilde gesammelt: als ein endlich/unendliches. Zugleich mit diesem Sich-Sammeln und Nahwerden schlägt das Licht aber in die Verborgenheit des Farbenlichts um. In der Malerei der Gegenwart erreicht uns Licht nur im Mittel der substanziellen Emanation der Farbe, doch werden wir seiner als eines eigenen Faktors nicht gewahr. Diese Botschaften der Farbe sind keine Botschaften des Lichtes. Licht können wir nur als ihre Funktion empfangen. Es fragt sich aber, ob die Farbe auch wesenhaft an die Stelle des Leuchtlichts getreten sei oder ob das Leuchtlicht sich nur in der Farbe verborgen habe. In jedem Falle ist es selbst unsichtbar geworden.7

Das Fazit der Unsichtbarkeit will ich nicht auf sich beruhen lassen, sondern die Herausforderung annehmen und dem Licht in der Wetter-Malerei jenseits der Farbigkeit Achtung verschaffen. Denn wie in der Wirklichkeit zu beobachten ist, erscheint Licht erst durch das Wetter. Es ist die Witterung, die das Licht moduliert, ihm Gestalt und Aussehen gibt und es als solches wahrnehmbar macht. Die Witterung ist ein grosser Lichtfilter.

Wie aber wäre das Licht in der Wetter-Malerei sichtbar zu machen? Das Licht im Bild als Wieder-Erscheinen begreifen, als Mattheit gegenüber dem Glanz des wirklichen Lichts. Die Wetter-Bilder sollen aus sich heraus hell sein. In den Wetter-Bildern also nicht eine aus dem Wettergeschehen entlehnte Beleuchtungssituation beschreiben. Die Wetter-Bilder vielmehr als Situationen in einer jeweils aktuellen Beleuchtung begreifen. Die Wetter-Bilder sollen dabei als Sammlungsfläche für das Umgebungslicht funktionieren, bestenfalls auch als Sammlungsraum, aus dem das Licht moduliert wieder in Erscheinung tritt.

Feldstudien

Nach der Sensibilisierung braucht es die aktive, körperbetonte Auseinandersetzung mit dem Wetter. Ich will in der Sonne braten, vom Sturm gepeitscht werden, die Frühlingswärme geniessen, assimilieren, mich vom Regen bis auf die Haut durchnässen lassen, im Nebel wandeln, frieren, schwitzen, gegen den Wind fahren, in der Sonne baden, die kühle Brise auf der Haut spüren, frische Luft atmen.

Durch das aktive Erleben will ich intensivierte Einsichten, geklärte Durchsicht, vertiefte Kenntnis des Wetters erreichen, um daraus konzentrierte, verdichtete Sichten malen zu können. So wie hier gedichtet:

Der Schnee ist hart, doch die Luft ist noch mild;
der Neujahrsabend naht, und die Tage werden länger.

Ein Wolkenschleier verhüllt den Mond;
schräge Sonnenstrahlen dringen durch einen Regenschauer.

Halte es nicht für Dämmerung;
am Horizont steht eine Wolkenwand.

Also gilt es, hin zum Wetter zu reisen. Dahin, wo es herkommt. Zu den Wetterküchen im Nordostatlantik und Nordwesteuropa: Irland, Schottland, Biskaya, Azoren. Und dort hinauf, wo das Wetter hingeht, auf den Alpenkamm, zu den Wasserscheiden. Auf Gotthard, Grimsel, Nufenen, Furka, Lukmanier und darüber. Dorthin segeln, wo die schönsten Wolken im klarsten Himmel schwimmen: In das südliche Madagaskar. Eine richtige Wolkenfabrik besichtigen: In den Vulkantrichtern von La Réunion.

Also mit den Leuten über das Wetter reden. Alle sind sie Fachleute und alle haben eine Ansicht dazu. Darüber hinaus ist das Reden über das Wetter das wirklich verbindende Thema.

Ich weiss nicht, ob es Herbst war oder Frühling. Winter jedenfalls nicht.

Also lernen, die Namen der Winde zu benennen und deren Charakteristik kennenlernen.

Von den aufgebrochenen Äckern kam ein leiser Ruch von brauner Erde und sickerndem Wasser; es flüsterte in allen vier Winden, und der gebogene Mond segelte eilig durch die milchig schmelzenden Wolkenschollen.8

Also lernen, die Namen der Wolken herzusagen und ihre Eigenschaften benennen.

Säulen gestapelter Wolken, Banderol-Wolken, elliptische Kometenwolke mit Haartextur, schopfige silberne Daunenwolken, Zaus-Flaum-Federwolken, wattige und gefugte Rippenwolken, ballonige Spinnwebwolken, lange Warpen maschiger grauer Wolken ein wenig gerötelt unterhalb.4

Fußnoten:

1

Shih-t‘ao, Gespräche des Mönchs Bitter-Melone

2

Homologie (gr.), nach den Stoikern Übereinstimmung der Vernunft mit der sich selbst und mit dem von ihr mitbestimmten Leben, zugleich Übereinstimmung von Vernunft und Leben mit der Natur, in der pythagoreischen Auffassung sogar Ähnlichkeit und Übereinstimmung mit Gott. In der Mathematik und in den Naturwissenschaften bedeutet Homologie swv. konstantbleibende Beziehung beider Seiten und anderen charakteristischen Grösse in ähnlichen und kongruenten Figuren.

3

Goethe hat sich mit dem Engländer Luke Howard, dem Manne, der Wolken unterschied, wissenschaftlich und poetisch auseinander gesetzt. Der Aufsatz Wolkengestalt nach Howard, erschienen 1820, legt dessen Terminologie dar und wendet sie auf Wetterbeobachtungen bei einer Reise an.

4

Gerard Manley Hopkins, Journal

5

John Constable schreibt am 7. Oktober 1822, er habe etwa fünfzig sorgfältige Wolkenstudien gemacht. Dazu wird bemerkt, jede Studie sei auf die Stunde genau datiert und mit meteorologischen Angaben (Windrichtung) versehen.

6

Claude Simon, Georgica

7

Wolfgang Schöne, Über das Licht in der Malerei

8

Arno Schmidt, Juvenilia

Author: © Paul Zoller,

Date: 14-04-2017

Emacs 26.1 (Org mode 9.1.13)